Unternehmensnetzwerke erkennen und untersuchen

Unternehmen, wie alle anderen wirtschaftlichen Akteure auch, hinterlassen zunehmend digitale Spuren ihrer Aktivitäten. Der Digital Layer Ansatz nutzt diese Datenquellen und bietet sich als alternative Methode für die Analyse von Unternehmensnetzwerken an. Die Integration des Digital Layer Ansatzes in die webAI ermöglicht unseren Kunden eine neues Instrument für die Erfassung und Analyse von Unternehmensnetzwerken.

Jan Kinne

TL;DR: Digital Layer ist eine alternative Methode zur Analyse von Unternehmensnetzwerken. Anders als bisherige Ansätze werden hier digitale Massendaten verwendet, um Unternehmensnetzwerke zu identifizieren und zu analysieren. Ein effektiv vernetztes Unternehmen kann auf ein breites Spektrum an Wissen zurückgreifen, von seinen Partnern lernen, vorhandenes Wissen einbringen und so Innovationen generieren.

Gut vernetzte Unternehmen sind innovativer

Vor 25 Jahren prägte der Soziologe Manuel Castells den Begriff der Netzwerkgesellschaft. Hierbei wird die Gesellschaft und der technologische Fortschritt maßgeblich durch Wissensflüsse in Netzwerken geformt. Wer Zugang zu den richtigen und wichtigen Informationen hat, kann daraus neues, komplexeres Wissen und Know-How generieren und ist im wirtschaftlichen Wettbewerb besser aufgestellt. Diese Rekombination von bereits bestehendem Wissen zu etwas Neuem wird als Innovation bezeichnet. Für Unternehmen bedeutet dies, dass ihre Innovativität und schlussendlich ihre Wettbewerbsfähigkeit davon abhängen, inwieweit sie über ihr individuelles Netzwerk Zugang zu Informationen und technologischem Know-How haben. 

Anders als früher betrachtet man heutzutage nicht nur den unmittelbaren physischen Unternehmensstandort, der Unternehmen Verbindungen und Wissensflüsse zu anderen lokalen Akteuren ermöglicht. Neben solchen lokalen Wirtschaftsclustern spielt in einer globalisierten Welt auch zunehmend die Einbettung eines Unternehmens in regionale, nationale und internationale digitale Netzwerke eine Rolle. Ein effektiv vernetztes Unternehmen kann auf vielfältiges Wissen zurückgreifen, von seinen Partnern lernen, bereits bestehendes Wissen einbringen und so Innovationen hervorbringen.

Die Wissenschaft beschäftigt sich seit vielen Jahren damit, wie sich innovative Unternehmen vernetzen, auch im Vergleich zu weniger innovativen Unternehmen. Nehmen innovative Unternehmen eine zentralere Position in ihren Netzwerken ein? Welche ist die richtige Mischung aus lokalen und überregionalen Beziehungen? Um diese Fragen zu beantworten, sind Forscherinnen und Forscher auf Daten angewiesen, die formelle und informelle Verbindungen zwischen Unternehmen abbilden – und dies am besten dynamisch über eine längere Zeitperiode hinweg, um Veränderungen und Trends ableiten zu können. 

Digital Layer zeigt Unternehmensnetzwerke auf

Über Jahrzehnte wurde dafür insbesondere auf Patentdaten zurückgegriffen. Mit Patentdatenbanken können Forscher Verbindungen zwischen patentierenden Unternehmen aufzeigen und analysieren. Allerdings reflektiert diese Art von Netzwerk lediglich einen kleinen und sehr spezifischen Teil des gesamten Innovationssystems. So sind Patente beispielsweise für bestimmte Wirtschaftsbereiche wie die Softwarebranche deutlich weniger relevant, als etwa für die Pharmaindustrie und können dort kaum für die Beobachtung von Wissensflüssen eingesetzt werden. 

Der “Digital Layer” Ansatz wurde von Miriam Krüger und ihren Kollegen als alternative Methode für die Analyse von Unternehmensnetzwerken entworfen (Krüger, Miriam, Jan Kinne, David Lenz und Bernd Resch, 2020, The Digital Layer: How Innovative Firms Relate on the Web) und wird von istari.ai weiterentwickelt. Anders als bisherige Ansätze werden hier digitale Massendaten für die Identifizierung und Analyse von Unternehmensnetzwerken genutzt. Unternehmen, wie alle anderen wirtschaftlichen Akteure auch, hinterlassen zunehmend digitale Spuren ihrer Aktivitäten. Sei es als Beiträge auf Social Media Plattformen, Erwähnungen in News-Artikeln oder auf der eigenen Unternehmenswebsite. Dieses “Digital Layer” kann dafür verwendet werden, Beziehungen zwischen Unternehmen zu erkennen und die so offengelegten Netzwerke zu untersuchen. Die untenstehende Abbildung zeigt beispielsweise die Standorte von über 600.000 Unternehmen in Deutschland, deren Innovationsgrad (berechnet mit webAI InnoProb) und etwa sieben Millionen Hyperlink-Verbindungen zwischen deren Unternehmenswebseiten. 

Bild1: Digital Layer für Deutschland: Standorte und InnoProb Scores für über 600.000 Unternehmen in Deutschland und Berlin (oben); etwa sieben Millionen erkannte Hyperlink-Verbindungen zwischen Unternehmenswebseiten in Deutschland und Berlin (mitte); nationales und regionales Hyperlink-Netzwerk eines einzelnen Unternehmens (unten). Quelle: Krüger et al. 2020.

Wie können sich Unternehmen optimal vernetzen?

Unternehmen verlinken aus verschiedenen Gründen auf die Webseiten anderer wirtschaftlicher Akteure. Beispielsweise nennen Unternehmen häufig Referenzkunden auf ihren Websites und richten dann meist auch einen Hyperlink zu deren Website ein. Krüger und ihre Kollegen bringen in ihrer wissenschaftlichen Arbeit diese Hyperlinks mit den dazugehörigen Texten zusammen, um auch die Qualität vorhandener Hyperlinks zu bewerten. “Es kommt nicht nur auf die Existenz einer Verbindung zwischen zwei Unternehmen an, sondern auch auf die Qualität der Verbindung” erläutert Miriam Krüger. “Die Bedeutung eines Partners für ein Unternehmen kann beispielsweise davon abhängen, welche anderen Verbindungen das Unternehmen bereits pflegt und ob diese neue Verbindung das Portfolio eines Unternehmens sinnvoll erweitert”. 

Eines dieser Kriterien ist beispielsweise das Potenzial, voneinander zu lernen. Also die Frage, ob aus der Verbindung neue, ertragreiche Rekombinationen von Wissen und technologischem Know-How entstehen. “In der Wissenschaft spricht man dabei von optimaler kognitiver Distanz. Wenn die Wissensbasen von zwei Akteuren zu weit auseinander liegen, könnten sie zwar sehr viel voneinander lernen, aber die Distanz ist im schlechtesten Fall zu groß, sodass man sich nicht versteht. Liegen die Wissensbasen zu nah beieinander, ist die Kommunikation vielleicht einfach, aber das ausgetauschte Wissen unterscheidet sich kaum. Wie so oft gibt es also eine goldene Mitte”, sagt Miriam Krüger. 

Die Integration des Digital Layer Ansatzes in die webAI – unser KI-basiertes System für die Auswertung von Webdaten und die Bereitstellung von Markt- und Unternehmensinformationen in Echtzeit –  ermöglicht unseren Kunden eine neues Instrument für die Erfassung und Analyse von Unternehmensnetzwerken. So kann webAI beispielsweise genutzt werden, um regionale, überregionale und auch internationale Unternehmensverflechtungen und zentrale Akteure zu erkennen. Beispielhaft ist dies in der untenstehenden Abbildung zu sehen, welche die Netzwerkverflechtungen von Unternehmen aus den Regionen Ostwestfalen-Lippe und Heilbronn zeugt.  Ein weiterer Anwendungsfall ist die gezielte Untersuchung individueller Unternehmensnetzwerke, der Vergleich mit Netzwerken anderer Unternehmen, sowie das Ableiten gezielter Handlungsempfehlungen. 

Bild: Digital Layer für die Regionen Heilbronn (oben) und Ostwestfalen-Lippe (unten) 

Autoren dieses Artikels sind Miriam Krüger und Dr. Jan Kinne.

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