istari.ai – die data wizards: Corona brachte die ersten Umsätze

David Lenz und Jan Kinne generieren Unternehmensinformationen in Echtzeit. Die Covid-19 Pandemie befeuerte ihr Geschäftsmodell. Mit Ihren Analysen unterstützen sie die europäische Politik in der Identifizierung der wirtschaftlichen Folgen.

David Lenz und Jan Kinne generieren Unternehmensinformationen in Echtzeit. Die Covid-19 Pandemie befeuerte ihr Geschäftsmodell. Mit Ihren Analysen unterstützen sie die europäische Politik in der Identifizierung der wirtschaftlichen Folgen.

Jan Kinne, Miriam Krüger, David Lenz und Robert Dehghan (v.l.n.r.) bilden das Team von istari.ai

David Lenz (30) und Jan Kinne (31) sind Istari.ai. Die „webAI‟ des Startups kann auf eine neue Art Unternehmensinformationen in Echtzeit generieren: Unternehmensnetzwerke analysieren, Unternehmen bewerten oder individuell angepasst werden. Die Gründer lernten sich bei einem Forschungsprojekt kennen und das erste gemeinsame Paper führte zur Geschäftsidee, als beide noch mitten in ihren Doktorarbeiten steckten. Anderthalb Jahre nach der Gründung kam die Corona-Pandemie – und mit ihr die ersten Umsätze. Welche Branchen von webbasierten Innovationsindikatoren profitieren können und wie es für das Startup weitergeht, lest ihr hier.

Der Weg zur Gründung

Jan Kinne ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am ZEW (Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung) in Mannheim und arbeitet schon viele Jahre mit Unternehmensdaten. Als er mit seiner Doktorarbeit begann, wollte er mikrogeografisch herauszufinden, wo sich Unternehmen ansiedeln und wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Es zeigte sich, dass traditionelle Innovationsindikatoren, insbesondere Patentdaten oder Daten aus Unternehmensbefragungen, nicht besonders gut für mikrogeografische Erkenntnisse geeignet sind. „Daraus entstand die Idee, auf den Unternehmenswebseiten herauszufinden was diese machen und wie innovativ sie sind. Ich habe einen Antrag für das Projekt TOBI (Textdaten-basierte Output-Indikatoren als Basis einer neuen Innovationsmetrik) beim BMBF (Bundesministerium für Bildung und Forschung) eingereicht. Die Idee dahinter war, Textdaten aus Unternehmenswebseiten als Datengrundlage für webbasierte Innovationsindikatoren zu nutzen. Hierfür haben wir uns die Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) als Partner gesucht und David wurde für das Projekt angestellt,‟ erzählt Jan. David Lenz ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der JLU an der Professur für Statistik und Ökonometrie und hat in Gießen studiert. 2012 begann er für ein Data Science-Unternehmen in der Region zu arbeiten und sammelte viele Erfahrungen in der Informationsgewinnung aus Daten. Seine Dissertation will er dieses Jahr abschließen.

Das erste Paper führte zur Geschäftsidee

Im Rahmen des Forschungsprojekts haben die beiden ein erstes wissenschaftliches Paper geschrieben und gemerkt, „dass das was wir machen, richtig viel Potenzial hat, auch außerhalb der Innovationsforschung. Durch die immensen methodischen Fortschritte, die es in den letzten Jahren bei der Textanalyse gab, wie etwa Deep-Learning-Modelle, lassen sich wahnsinnig viele Informationen aus den Webseiten ziehen,‟ lässt David den Gründungs-Moment Revue passieren. Für die Gründer stand fest, dass sie die Arbeitsweise traditioneller Anbieter von Unternehmensinformationen mit ihrer Arbeit reformieren können: „Es gibt Firmen mit tausenden Mitarbeitern, die nichts anderes machen als das Handelsregister zu scannen und zu schauen, wer neu ist. Die versenden Fragebögen und es folgt ein Eintrag in einer Datenbank, der schlimmstenfalls nicht mehr geupdatet wird. Mit unserer Lösung können wir etwas viel moderneres und spannenderes bieten. Uns war klar, dass wir ein Unternehmen gründen wollen, was genau das macht: auf eine neue Art Unternehmensinformationen in Echtzeit generieren‟ ,resümiert Jan ihre Geschäftsidee. Anfang 2019, als beide noch mitten in ihren Dissertationen steckten, meldeten sie ihre UG an.

Durch das dreijährige Forschungsprojekt konnten David und Jan viel für ihr eigenes Unternehmen mitnehmen. „Das war Forschungsfront was wir gemacht haben und was wir dort über programmieren und über webbasierte Unternehmensanalysen gelernt haben, können wir eins zu eins bei unserem Unternehmen übernehmen. Dieses Wissen ist jetzt in unseren Köpfen – und unsere Köpfe benutzen wir jeden Tag‟, erklärt Jan schmunzelnd.

Jan Kinne und David Lenz während Forschungsarbeiten an der Harvard University.
Corona brachte die ersten Umsätze

Als die Corona-Pandemie begann, reagierte Deutschland mit einem Lockdown, aber niemand wusste, wer wie stark davon betroffen ist. Die Politik musste zwar sofort zielgerichtet handeln, es gab aber praktisch keine Daten auf deren Basis sie Entscheidungen treffen konnte. „Unser Ansatz war attraktiv, weil wir sehr schnell einen Überblick zu diesem Sachverhalt liefern konnten. Wir haben durchgängig zweimal pro Woche deutsche Webseiten gescannt und konnten ein umfassendes Bild der aktuellen Lage geben, was nur mit unseren Ansätzen möglich ist. In so einer speziellen Situation sind Daten aus dem März im April schon wieder obsolet‟, beschreibt Jan die Situation im April. Dabei stellten sie einen stetigen Zuwachs an Meldungen fest. Auch die Schweiz zeigte Interesse und kaufte die Daten. Damit erhielt das Startup die ersten Einnahmen. „Die ersten Umsätze waren einfach cool, das motiviert einen weiterzumachen und gibt einem das Gefühl, dass man auf einem guten Weg ist‟, erzählt David. So konnten die Gründer auch schon ihren ersten Mitarbeiter anstellen, Robert Dehghan unterstützt das Team beim Entwickeln, aber auch als Verantwortlicher in Sachen PR und Social Media. Außerdem wird istari.ai von Miriam Krüger unterstützt, die das junge Unternehmen in Berlin vertritt und dort ein Netzwerk für istari aufbaut.

Der potenzielle Markt? Riesig!

Wie bei der Corona-Anwendung kann sich Politikberatung zu einem Geschäftszweig entwickeln, aber auch Unternehmensberatungen oder all diejenigen, die Marktanalysen machen. Für Jan gibt es noch weitere potenzielle Kunden: „Natürlich wären IHKs interessant. Dort ist der Bedarf nach Informationen, was all die Unternehmen in ihrer Region machen erheblich. Immer auf dem aktuellen Stand zu bleiben kostet jedoch viele Kapazitäten‟. Auch andere Datennutzer können sich an das Startup wenden, wie etwa Investmentfirmen. Ratingagenturen etwa berechnen credit ratings für Unternehmen, wie eine Art Schufa für Unternehmen und brauchen dafür eine breite Datenbasis. Dank der Daten von istari.ai könnten solche Unternehmen ihre Credit Rating-Modelle verbessern.

Mit ihren Forschungsarbeiten war das Gründerteam außerdem schon beim Deutschen, sowie dem Europäischen Statistikamt – der von ihnen entwickelte Ansatz hat also das Potenzial, in die offizielle Statistik überzugehen. Auch bei der OECD und der Deutschen Bundesbank haben die beiden ihren Forschungsansatz vorgetragen, das Interesse an ihrer Arbeit ist also sehr groß.

2021: Mit Vollgas ins Entwicklungsjahr

Die beiden Gründer haben für das kommende Jahr viele Pläne: Zunächst wollen sie ein Büro im Mannheimer Technologiezentrum MAFINEX eröffnen. Außerdem planen die Gründer ihre eigene Plattform, auf der man ihre Daten wie auf einem Dashboard erkunden kann. Man sucht nach einem Unternehmen, etwa „istari.ai‟ und gelangt zu einem Profil mit einer maschinell generierten Zusammenfassung: Tags wie „maschinelles Lernen‟, „Textanalyse‟, „B2B‟, „Startup‟, „Datenanalyse‟, „Forschung‟ und „künstliche Intelligenz‟ erscheinen. Ergänzt wird das Profil durch ein Partnernetzwerk, um zu sehen, wer das Unternehmen erwähnt oder Hyperlinks auf die istari.ai-Website gesetzt hat. Weiter soll es die Möglichkeit geben, die Tags zu filtern um zum Beispiel zu erkennen, welche anderen Unternehmen sich auch mit Themen wie KI beschäftigen. Die Ergebnisse können auch regional gefiltert werden. Die Plattform soll ein kostenloses Angebot sein, für Exporte oder weitergehende Analysen ist perspektivisch ein kostenpflichtiger Premium Account geplant. „Das was wir entwickelt haben, wollen wir jetzt als Produkt auf den Markt bringen. Wir werden aber auch weitere Indikatoren entwickeln und neue Datenquellen erschließen, wie etwa Social Media oder Newsartikel,‟ erklärt David. „Die nächsten zwei Jahre geben wir Vollgas um zu gucken ob es funktioniert. 2021 wird ein entscheidendes Jahr für uns, in dem wir richtig viel Entwickeln werden und dann den Marktstart wagen‟, fasst Jan zusammen.

Vielen Dank an Benjamin Stuchly und sein Team für diesen Artikel, der im Blog Mittelhessen am 08.Oktober 2020 erschienen ist.